Kinderklinik an der UMG

Interview mit Herrn Prof. Dr. Christof Kramm

Sie sind, wie Sie gelegentlich erwähnen, in Mittelhessen aufgewachsen. Was verbindet Sie heute noch mit Ihrer Heimat?
Meine Eltern und meine Schwestern mit ihren Familien; die Familie meiner Tante; mein Dialekt; mein Lieblingsfußballverein (Eintracht Frankfurt); die schöne Landschaft mit der Lahn, dem Limburger Dom und dem Weilburger Schloss.

War es durch Ihr Elternhaus vorgegeben, dass Sie Arzt geworden sind?
Nein. In meiner Familie gibt es hauptsächlich Lehrer und Architekten.

Der Weg vom 1. Semester Medizinstudium zur Professur für Kinderonkologie ist ein weiter Weg. Können Sie uns die Stationen auf diesem Weg schildern?  Und wann haben Sie sich für die Kinderonkologie entschieden?
Ich habe in Gießen, also nicht weit von zu Hause, sofort nach dem Abitur 1983 mein Medizinstudium begonnen. Ich musste dann nach zwei Semestern zur Ableistung meines Zivildienstes das Studium unterbrechen. Nach 20 Monaten in der Pflege auf einer internistischen Station führte ich dann mein Studium ab 1986 in Gießen fort. Im sechsten Semester habe ich mir eine Doktorarbeit in der Gießener Anatomie gesucht, im Rahmen derer ich Medulloblastome, also kindliche Hirntumore, auf ihre Ähnlichkeit mit der menschlichen Netzhaut untersuchte. Der Grundstein für das Interesse an der Kinderonkologie und an kindlichen Hirntumoren war also gelegt. Und als ich im letzten Jahr des Medizinstudiums, dem sogenannten Praktischen Jahr, eher durch Zufall auch als erstes auf der kinderonkologischen Station in Gießen eingesetzt wurde und dies mir sehr gefiel, war der Berufswunsch Kinderonkologe felsenfest in mir verankert. Ich habe mich dann nach dem letzten Staatsexamen 1992 auch nur in Kinderonkologien beworben, die kindliche Hirntumore als Forschungsschwerpunkt führten. So bin ich durch Vermittlung des Düsseldorfer Kinderonkologen, Herrn Prof. Göbel, auch 1992 zunächst für ein Jahr in der Düsseldorfer Neuropathologie zur Etablierung von gemeinsamen Hirntumorprojekten angestellt worden, um dann ab 1993 meine Facharztausbildung in der Kinderonkologie aufzunehmen. Nach einem Jahr klinischer Ausbildung habe ich dann durch erneute Vermittlung von Prof. Göbel mit Hilfe eines Forschungsstipendiums der Deutschen Krebshilfe von 1994-1996 am Massachusetts General Hospital der Harvard-Universität in Boston, USA, wieder an Hirntumoren („Gentherapie beim Glioblastom“) geforscht. Zurück in Düsseldorf wurde ich dann schwerpunktmäßig auf der kinderonkologischen Station eingesetzt. 2000 absolvierte ich meine Facharztprüfung, 2001 habilitierte ich, ab 2003 war ich dann in der Düsseldorfer Kinderonkologie Oberarzt. 2004/2005 arbeitete ich dann für ein Jahr als kinderonkologischer Consultant am Royal Marsden Hospital in Sutton/London, der ältesten Krebsklinik der Welt. Motivation hierfür war, dass das Royal Marsden Hospital sehr viele kindliche Hirntumorpatienten betreute und ich so meine klinische Expertise für kindliche Hirntumore noch einmal deutlich erweitern konnte. 2006 folgte ich meinem ersten Düsseldorfer Oberarzt, Herrn Prof. Körholz, nach Halle, als dieser dort Direktor der Kinderklinik wurde. 2006 wurde ich auch Leiter der HIT-HGG-Studie, die früher noch HIT-GBM-Studie hieß. Als Stellvertretender Klinikdirektor verlebte ich in Halle mit meiner Familie bis 2012 eine wunderbare Zeit, bis ich dann meine Stelle in Göttingen antrat.

Sie leiten die Studienzentrale und das nationale Referenzzentrum für maligne Gliome (Glioblastom, Ponsgliom, malignes Astrozytom) im Kindes und Jugendalter. Wie sieht Ihre Aufgabe als Studienleiter konkret aus?
Jedes Jahr werden bis zu 70 neue Patienten in unsere Studie aus 60 deutschen Zentren, 9 Schweizer Zentren und 5 österreichischen Zentren aufgenommen. Ich stehe allen Kollegen und auch Eltern und Patienten dabei sehr gerne auch für eine persönliche Beratung per Telefon oder Email zur Verfügung. Das wird ziemlich häufig in Anspruch genommen. Diese Konsiliarleistung und formelle Verwaltungssachen (vor allem Kommunikation mit Behörden, Ethikkommissionen bei Protokoll Änderungen oder bei Erstellung eines neuen Studienprotokolls) sowie auch Auswertungen von wissenschaftlichen Studienfragen beschäftigen mich studientechnisch am meisten.

Sie sind seit September 2012 ärztlicher Leiter der Abteilung Pädiatrische Hämatologie und Onkologie der Universitätsmedizin Göttingen. Sie haben sicher sehr vielfältige Aufgaben zu erfüllen. Wo sehen Sie den Schwerpunkt Ihrer Tätigkeit?
Natürlich ist der Schwerpunkt die kinderonkologische Versorgung. Hier habe ich das Privileg, mit Frau Kühnle die beste Kinderonkologin, die ich bisher getroffen habe, als Oberärztin der kinderonkologischen Station an meiner Seite zu haben. Die Station ist also von der fachlichen Expertise her bestens aufgestellt, und ich muss Frau Kühnle nur in deren Abwesenheit vertreten. Mein klinischer Schwerpunkt ist deshalb die Mitbetreuung der ambulanten Patienten. Einen Teil der Patienten sehe ich selbst, einen anderen Teil betreue ich zusammen mit jüngeren Kolleginnen und Kollegen, derzeit meistens mit Herrn Dr. Edler, der in unserem kleinen kinderonkologischen Team als Facharzt für Kinderheilkunde sich in der Schwerpunktweiterbildung zum Kinderonkologen befindet. Ein Tätigkeitsschwerpunkt ist für mich aber auch, die Göttinger Kinderonkologie nach außen in unseren nationalen und internationalen Fachgesellschaften mit guter Sichtbarkeit zu vertreten. Die Göttinger Kinderonkologie soll möglichst überall ein Begriff sein und mit sehr guter Patientenbetreuung und exzellenter klinischer und experimenteller Forschung assoziiert werden.

Eine sehr persönliche Frage: Im Klinikalltag sind Sie oft mit viel Leid und dem Tod konfrontiert. Woher nehmen Sie die Kraft, dem standzuhalten?
Der Rückhalt in der Familie ist sicherlich das Wichtigste, um mit Leid und Tod auf Dauer umgehen zu können. Meine Frau ist ja auch Kinderärztin und hat auch mehrere Jahre in der Kinderonkologie gearbeitet, so dass sie sehr gut Ratschläge und Hilfe geben kann. Unsere beiden Söhne sorgen für die entsprechende Ablenkung. Ein gutes Team auf der Arbeit, das zusammenhält und offen mit Respekt miteinander umgeht, ist aber auch essentiell. Und dieses gute Team haben wir in der Kinderonkologie, egal ob auf der Station oder in der Ambulanz, im Sekretariat, in der Studienzentrale oder im Labor. Dass das Team Kinderonkologie gut funktioniert und harmoniert, hat man – glaube ich – auch sehr gut bei der HIT-Tagung gemerkt.

Es ist Ihnen gelungen, die große Hirntumor Tagung HIT in diesem Jahr nach Göttingen zu holen. Worin sehen Sie die besondere Bedeutung dieser Tagung?
Die HIT-Tagung gerade in der Konstellation eines gemeinsamen Treffens von Betroffenen und Fachpublikum stellt eine einzigartige Tagungsplattform dar. Hier kann man als Arzt nicht nur die neuesten wissenschaftlichen und klinischen Erkenntnisse im Bereich kindliche Hirntumorerkrankungen erfahren, sondern man sieht besonders auch als Wissenschaftler sehr gut, für wen man forscht und für welches Ziel. Das gibt immer wieder neue Kraft und Motivation für das eigene Tun. Die Bedeutung der HIT-Tagung für Patienten und Eltern sehe ich vor allem darin, dass sie die Experten treffen und persönlich sprechen können, die in die eigene Behandlung bzw. Behandlung ihres Kind maßgeblich involviert sind. Außerdem gibt es auf der HIT-Tagung auch viele konkrete und praktische Hilfsvorschläge und Anleitungen, wie man mit der Hirntumorerkrankung besser umgehen kann. Auch lernt man andere Betroffene mit der gleichen oder einer ähnlichen Erkrankung kennen, mit denen man sich dann austauschen kann. Über die Jahre haben sich so ganze Netzwerke von betroffenen Familien entwickelt, für die die große HIT-Tagung auch immer ein großes Wiedersehen bedeutet.

Ein Schwerpunkt der HIT-Tagung ist die Nachsorge. Diejenigen Kinder und Jugendlichen, die eine Hirntumorerkrankung überlebt haben, leiden oft an den Langzeitfolgen der Erkrankung. In welcher Hinsicht gilt es Ihrer Meinung nach die Langzeitnachsorge zu verbessern?
Langzeitnachsorge ist ein Problemfeld, das erst in den letzten Jahren mehr und mehr in das Problembewusstsein gerückt ist. Die Zahl der ehemaligen Kinder und Jugendlichen mit Krebserkrankungen, die mittlerweile erwachsen sind, ist sehr groß. Und leider weiß man, dass die erfolgreiche Krebsbehandlung nicht immer ohne Langzeitnebenwirkungen und damit verbundene deutliche Lebensqualitäts- und Gesundheitseinschränkungen einhergeht. Vor allem aber die mittlerweile erwachsenen Patienten fallen dann oft durch jegliches Raster in der Krankenversorgung, gerade wenn sie Probleme viele Jahre nach ihrer Kinderkrebsbehandlung entwickeln. Kinderonkologen sind dann schon lange nicht mehr zuständig, und Erwachsenen-Onkologen wissen oft zu wenig über die durchgeführten Therapien und Krebserkrankungen im Kindesalter, resultierende psychische Belastungen werden nicht erkannt oder anerkannt, die Patienten fühlen sich ganz oft alleine gelassen. Die Betreuung dieser Patienten erfordert die Etablierung von überregionalen Langzeitnachsorgeambulanzen, wo ein multidisziplinäres Team aus Kinderonkologen, Erwachsenenonkologen, Kardiologen, Reproduktionsmedizinern, Endokrinologen, Nephrologen, Neurologen, Psychologen und Sozialarbeitern je nach Problembedarf des Patienten tätig wird und Hilfe anbietet. Es gibt schon erste Langzeitnachsorgeambulanzen dieser Art, die trotz der schwierigen Koordinierungssituation durchaus funktionieren.

Sie unterstützen die Arbeit der Göttinger „Elternhilfe für das krebskranke Kind“, indem Sie z.B. an Spendenaktionen für das „Elternhaus“ teilnehmen. Warum ist Ihnen die Zusammenarbeit mit dem Elternverein und dem „Elternhaus“ so wichtig?
Für mich ist der lokale Elternverein überall, wo ich bisher als Kinderonkologe gearbeitet habe, immer ein äußerst wichtiger Partner bei der Betreuung von krebskranken Kindern und ihren Familien gewesen. In Göttingen empfinde ich das nun ganz besonders. Die Elternhilfe in Göttingen hat die Göttinger Kinderonkologie über Jahre sehr unterstützt, in finanzieller Art, aber auch ideell und emotional. Nur so war und ist es möglich, dass wir den betroffenen Kindern und ihren Familien mehr als die nur medizinisch notwendige Hilfe und Unterstützung haben zuteil  werden lassen. Das Elternhaus spielt dabei auch eine herausragende Rolle. Es ist für viele Familien ein zweites Zuhause in einer schweren Zeit. Und auch wenn die Familie nicht im Elternhaus schläft, bietet das Elternhaus während der stationären Behandlung eine Rückzugsmöglichkeit, einen besonderen Ort, der nicht an Krankenhaus erinnert und Abstand zulässt. Gerade die Vorbereitung zur HIT-Tagung hat mir wieder vor Augen geführt, dass die Zusammenarbeit mit der Elternhilfe hervorragend geklappt hat. Allen voran möchte ich hier Frau Hildebrandt-Linne, Frau Dolle und Herr Gericke danken. Ich finde es auch sehr gut, dass das Elternhaus und der Elternverein nicht nur den Familien krebskranker Kinder Unterkunft und Unterstützung bietet, sondern auch anderen chronisch kranken Kindern und ihren Familien. Unterstützung darf nicht von der Art der Erkrankung abhängen. Hier müssen wir alle gemeinsam in Zukunft über neue Unterstützungsmodelle und Kooperationen nachdenken, um den sich ändernden Bedingungen für unterstützungswürdige Projekte und Maßnahmen gerecht zu werden und allen Betroffenen weiterhin gut helfen zu können.

 (Das Interview führte Otfried Gericke)