Erfahrungsberichte von Eltern und Jugendlichen

  • Martha

    geb. 17. September 2007; 730 g und 33 cm

    „Nicht müde werden,
    sondern
    dem Wunder leise wie einem Vogel
    die Hand hinhalten“
    Hilde Domin

    Martha wurde am ersten Tag der 28. SSW per Notkaiserschnitt auf die Welt geholt, da ich ein HELLP-Syndrom entwickelt hatte – eine Schwangerschaftsvergiftung. Für uns als Eltern ist es ein Wunder, dass unsere Martha, die 12 Wochen zu früh auf die Welt kam, überleben konnte.

    Martha wurde 4 Monate in der Uniklinik Göttingen medizinisch bestens vom Ärzte- und Pflegeteam versorgt. Als Eltern will man das Beste für sein Kind und das Beste für ein Frühchen ist der Kontakt zu den Eltern. Ich wollte immer bei Martha sein, denn nur bei ihr fühlte ich mich gebraucht und gut. Nach 12 Tagen auf der Entbindungsstation der Uniklinik wurde ich von Frau Söder im Elternhaus aufgenommen. Für mich war das ein riesiges Glück, denn allein ohne mein Kind das Gelände der Uniklinik zu verlassen, war unvorstellbar. Ich war so verzweifelt und verängstigt wie noch nie in meinem Leben und wollte mit niemandem reden und nur bei meinem Kind sein. Die ersten Tage und Wochen lief ich wie mit Scheuklappen durchs Elternhaus und Frau Söder war es wieder, die mir zeigte, dass es gut ist, wenn man redet und sich austauscht. Und langsam begann ich die Elternhaus-Familie, also die anderen Eltern, kennen zu lernen. Möglich war das durch die Hausabende am Mittwoch. Menschen, wie sie unterschiedlicher nicht sein konnten, Krankheiten, von denen ich noch nie gehört hatte, ein liebevolles Elternhaus-Team, eine tolle Bücherecke mit Fachliteratur - es gab so viel zu entdecken außerhalb der erlaubten Besuchszeiten.

    Mit der Geburt von Martha setzte förmlich eine Frühchenwelle ein. Und im Elternhaus wurden es immer mehr Frühcheneltern und Eltern von Neugeborenen. Wir sahen uns auf Station und im Elternhaus, erzählten uns von unseren Kindern und machten uns gegenseitig Mut, so entwickelten sich langsam Freundschaften. Bald empfand ich mich als Teil einer Gemeinschaft, die sich gegenseitig aufbaut und trägt.

    Die Adventszeit begann und als jemand, der Weihnachten liebt, versuchte ich das alles auszublenden, denn ich hatte so tolle Vorstellungen vom ersten Weihnachtsfest als kleine Familie. Das Elternhaus bescherte uns eine wundervolle Weihnachtsfeier mit einem bezaubernden Puppentheater, das Frau Holle zeigte. Es kamen so viele Kinder und Eltern und es war so gut zu sehen, dass alles gut werden kann, denn alle Kinder waren so fröhlich und ich ging zu Martha und erzählte ihr, dass sie im nächsten Jahr auch dabei sein darf!

    Am Heiligen Abend erstrahlte ein traumhaft schöner Weihnachtsbaum in der Lobby des Elternhauses und darunter lagen für jedes Kind zwei Geschenke. Der kleine verbliebene Elternrest packte gemeinschaftlich die Geschenke aus und wir freuten uns sehr über die gelungene Überraschung. Zwischen den Feiertagen trafen wir uns zum gemeinsamen Frühstück in der Küche und planten unsere Silvesterfeier. Der Silvesterabend kam und wir stärkten uns mit leckerer selbstgebackener Pizza und Salat und anschließend begann das Karaoke-Singen und wir lachten und hatten so viel Spaß wie lange nicht mehr.

    Nach genau 111 Tagen – vier Monaten – endete meine Zeit im Elternhaus. Martha wurde am 14. Januar mit Sauerstoff und Monitor entlassen und wog inzwischen 2270 g. Die Zeit des Hoffens und Bangens konnte nun endlich gut enden.

    Meine Zeit im Elternhaus werde ich zwar immer mit ständiger Angst und schlaflosen Nächten verbinden, aber ich werde mich auch immer an Freundschaft und die wunderbaren lieben Menschen dort erinnern. Ich hatte viele aufmunternde und immer zufällige Gespräche mit Frau Söder, die mir so über manche verzweifelten Tage hinweg half.

    Ohne das Elternhaus und ohne die ständige Nähe zu meiner kleinen Martha wäre ich verloren gewesen.

    Ein herzliches Dankeschön dem gesamten Elternhaus-Team und allen, die durch ihre Unterstützung das Elternhaus erst möglich machen.

    Die Eltern von Martha: Thomas Schulz und Nicole Geburzi

  • Mein 18. Geburtstag im Elternhaus

    Als ich an Krebs erkrankte, war ich 14 Jahre alt. Ich hatte einen apfelsinengroßen bösartigen Tumor an der Wirbelsäule, der mir in einer sehr schweren Operation entfernt wurde. Danach musste ich fast zwei Jahre in der Klinik bleiben - davon 20 Monate im Gipsbett - und Chemotherapie und Bestrahlung über mich ergehen lassen. Ich habe also schon zweimal meinen Geburtstag in der Klinik »gefeiert«.

    Zwei Jahre später bekam ich einen Rückfall und mir musste erneut ein bösartiger Tumor entfernt werden, diesmal im Kopf. In die nachfolgenden Behandlungen mit Chemotherapie und Bestrahlung fiel nun mein 18. Geburtstag, der ja ein besonderer Geburtstag sein sollte. Als ich erfuhr, dass ich nicht nach Hause konnte, wie ich hoffte, war ich erst mal ziemlich enttäuscht. Aber es ging nun mal nicht anders, denn ich war mitten in der Strahlentherapie. Dann überlegte ich gemeinsam mit meinen Eltern, wie ich nun meinen Geburtstag in der Klinik so schön wie möglich gestalten könnte. Damals gab es Gott sei Dank schon das Elternhaus. Zum Glück durfte ich von der Station und wir konnten im Elternhaus feiern.

    Darüber war ich sehr froh, denn dort hat man nicht das Gefühl, dass man ja eigentlich in der Klinik ist. Das Elternhaus gibt einem das Gefühl, zu Hause zu sein in einer gemütlichen Atmosphäre.

    Zu meiner Feier durften wir den Jugendraum benutzen, wo wir eine kleine Geburtstagstafel aufbauten. Am Nachmittag kamen dann auch ein paar Gäste. Außer meiner Familie und meinen beiden Tanten konnten zu meiner großen Freude auch drei meiner besten Freunde kommen und auch die Mitarbeiterinnen des Elternhauses. Wir hatten wirklich viel Spaß bei Kaffee und Kuchen. Zum Abendessen gab es dann Pizza, mein Lieblingsgericht, und wir unterhielten uns noch lange. Es war wirklich ein sehr schöner Geburtstag, zwar nicht ganz so wie sonst, aber ich glaube, ich werde mich immer daran zurückerinnern.

    Ich war damals sehr froh, dass es das Elternhaus gab. Dort kann man mal abschalten vom Klinikalltag und das macht einem die Krankheit ein ganzes Stück erträglicher. Oliver Först